Freiheit, ohne Freiheit einzuschränken.

Gestern im WDR2-Stichtag einen Bericht über die Gründung der GSG9 gehört – jener Sondereinheit des Bundesgrenzschutz, die zuerst als „Helden von Mogadishu” berühmt wurde und später, 1993, im Bahnhof Bad Kleinen noch einmal – diesmal gar nicht so positiv – ins Gerede kam.

Jetzt mag man über diese Sondereinheit denken was man will – mir geht es um einen Satz, den der damalige Innenminister Genscher im Rückblick auf die Gründung der GSG9 sagte:

Für mich ging es immer darum, die innere Sicherheit sicher zu stellen ohne die Freiheit einschränkende Gesetze zu machen.

(Den ganzen Bericht gibt es beim WDR als Podcast.)

Ich sehe da einen wichtigen Unterschied zu dem, was unser jetziger Innenminister macht. Denn durch die gebetsmühlenartig wiederholte Forderung nach der online-Durchsuchung wird vor allem eins erreicht: Der Bürger setzt sich damit auseinander, dass der Staat ihn – ganz grob gesagt – bespitzeln darf und kann. Der Gedanke wird normal, dass man vor „dem Staat” nichts zu verstecken hat.
Als Begründung dient der Schutz der Bürger, den der Staat übernimmt.

Als unser Grundgesetz geschrieben wurde, hatte Deutschland gerade eine Diktatur hinter sich, die es den Verfassern des Grundgesetzes geradezu unmöglich machte – genau anders herum – den Schutz des Bürgers vor dem Staat nicht abzusichern.
Es war nicht nur normal, sondern geradezu selbstverständlich, dass es Dinge gibt, die „den Staat” nichts angehen.

Es gab überhaupt keine Überlegung darüber, ob der einzelne etwas zu verstecken habe – es war auf dem bittersten Weg erworbenes Wissen darüber, dass die Freiheit des einzelnen einen solchen Wert darstellt, dass man sie vor dem Staat schützen muss.

Und auch Genscher hatte den Grundsatz, Schutz zu gewährleisten, ohne Freiheit einzuschränken.

Dieses Wissen bei der Bevölkerung und dieser Grundsatz der Regierenden wird gerade aufgeweicht, und ich denke fast, dass in Zeiten, wo wir alle unbesorgt für ein paar Cent Ersparnis unser Leben in die Hände von Kaufhaus- und Tankstellenketten legen das wichtigste ist, diesen Wert erst einmal wieder zu fühlen.
Wir sind in unserer verwöhnten Wohlstandsgesellschaft so an unsere Freiheit gewöhnt, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass es anders sein könnte.

Deshalb meine Idee für den heutigen Tag: Stell’ Dir einfach einen Tag lang vor, jemand würde Dich beobachten. Bei allem was Du tust. Er kann sehen, wohin Du schaust, er kann hören, was Du sagst.
Er sieht, wenn Du die Seite mit der Dessouswerbung länger aufgeschlagen hast als das Feuilleton.
Er hört, wenn Du nach der Besprechung mit dem Chef Deine Frau anrufst und Dich auskotzt.
Er sieht, wenn Du nach der Mittagspause Deinem Kollegen die Stempelkarte gibst und Dir noch einen Kaffee holst.
Und dann überleg doch heute Abend einmal, ob sich Dein Verhalten nicht ändern würde, wenn das jeden Tag so wäre.

3 Reaktionen zu “Freiheit, ohne Freiheit einzuschränken.”:

  1. 1. Ich hab nix zu verstecken. - just another weblog:

    […] (Wie ich auf die Idee kam steht drüben bei arsch-hoch.org) […]

  2. 2. Helmut:

    Herzlichen Dank für den Text. Ich lese erst wenige Tage hier im Blog. Aber wie kommt ein “Sauer”-länder zu diesem Blogtittel?
    Bei uns heißt das “Arsch hu, Zäng ussenander!” Aber datt scheint ja ett selbe zusein.

  3. 3. Christian Fischer:

    Ja. Das ist das selbe - und den Ursprung des Namens hast Du damit auch genau erkannt - nenn es alte Köln-Verbundenheit ;)

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